Gedanken aus der Versorgungsrealität
Pharmaunternehmen verfügen heute über umfassende Kenntnisse zu ihren Therapien. Klinische Studien, Wettbewerbsvergleiche, Preisstrategien und zunehmend auch Real World Data bilden die Grundlage moderner Entwicklungs- und Market-Access-Strategien.
Nach Auffassung des Instituts für Workflow-Management im Gesundheitswesen (IWiG) bleibt jedoch eine entscheidende Frage häufig unbeantwortet: Wie verändert sich die Versorgung, in der diese Innovationen später eingesetzt werden?
Denn die Versorgungsrealität ist kein statisches System. Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Fachkräftemangel, Ambulantisierung, Digitalisierung, neue Versorgungsformen sowie veränderte Anforderungen an Pflege und Dokumentation verändern Arbeitsabläufe und Organisationsstrukturen in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen fortlaufend.
„Innovationen treffen nicht auf ein starres Gesundheitssystem, sondern auf eine Versorgung, die sich permanent verändert", erklärt Prof. Dr. Michael Greiling, Leiter des IWiG. „Wer den langfristigen Nutzen einer Therapie bewerten möchte, muss deshalb auch verstehen, wie sich die Rahmenbedingungen ihrer Anwendung verändern."
Diese Entwicklung zeigt sich besonders deutlich an neuen Versorgungskonzepten. So werden Therapien, die bislang ausschließlich ambulant in einer Klinik durchgeführt wurden, zunehmend in Homecare-Strukturen oder in die häusliche Versorgung verlagert. Medizinisch bleibt die Therapie oftmals unverändert. Organisatorisch verändert sich die Versorgung jedoch grundlegend. Patientinnen und Patienten werden zur Selbstanwendung angeleitet, neue Kommunikationswege zwischen Klinik, Homecare-Anbietern und behandelnden Ärztinnen und Ärzten entstehen, Verantwortlichkeiten verschieben sich und Abläufe müssen neu koordiniert werden. Der eigentliche Wandel liegt damit nicht allein in der Therapie selbst, sondern auch in ihrer erfolgreichen Integration in veränderte Versorgungsabläufe.
Genau hier setzt das IWiG an. Durch die strukturierte Modellierung von Versorgungspfaden lassen sich organisatorische Veränderungen übersichtlich darstellen und ihre Auswirkungen auf den klinischen Alltag transparent machen. Ergänzend ermöglicht eine verursachungsgerechte Kalkulation auf Basis des Time-Driven Activity-Based Costing (TDABC), den tatsächlichen Ressourcenverbrauch einzelner Prozessschritte differenziert zu analysieren. Auf diese Weise werden nicht nur medizinische, sondern auch organisatorische und gesundheitsökonomische Auswirkungen neuer Therapien nachvollziehbar.
Nach Beobachtung des IWiG werden genau diese Veränderungen künftig weiter an Dynamik gewinnen. Ambulantisierung, sektorenübergreifende Versorgung und digitale Unterstützungsangebote verändern die Organisation medizinischer Leistungen grundlegend. Gleichzeitig entwickeln sich Personalstrukturen und Ressourcenverfügbarkeiten kontinuierlich weiter. Damit reicht es künftig nicht mehr aus, einzelne Behandlungsschritte isoliert zu betrachten. Entscheidend ist das Verständnis des gesamten Versorgungspfades und seiner Wechselwirkungen.
Für Pharmaunternehmen bedeutet dies, dass neben klinischer Evidenz und gesundheitsökonomischen Kennzahlen zunehmend auch die Veränderungsdynamik der Versorgung berücksichtigt werden sollte. Denn eine Therapie, die heute unter bestimmten organisatorischen Bedingungen erfolgreich implementiert werden kann, trifft morgen möglicherweise auf völlig andere Versorgungsstrukturen.
„Market Access bedeutet künftig nicht nur zu verstehen, wie eine Therapie wirkt", so Greiling. „Ebenso wichtig wird die Frage sein, unter welchen Bedingungen sie Versorgung leisten soll und welche Auswirkungen sie auf bestehende Prozesse hat."
Aus Sicht des IWiG markiert diese Entwicklung einen Perspektivwechsel. Die Bewertung innovativer Therapien sollte sich nicht ausschließlich an der heutigen Versorgung orientieren, sondern auch berücksichtigen, wie sich Versorgungsprozesse künftig verändern und welche organisatorischen Folgen daraus entstehen. Die Kombination aus transparenter Prozessmodellierung und verursachungsgerechter Kalkulation schafft hierfür eine fundierte Entscheidungsgrundlage – für Pharmaunternehmen, Kliniken und Kostenträger gleichermaßen. Nur so lässt sich der langfristige Nutzen medizinischer Innovationen unter realen Versorgungsbedingungen umfassend beurteilen.
“IWiG gehört zu Deutschlands Top-Innovationschampions 2025 aus Forschung, Entwicklung und Wissenschaft gemäß der FOCUS-Business-Bestenliste des Verlags Hubert Burda Media.
Info-Link zur Softwarebasierten Prozessualen Gesundheitsökonomischen Analyse (SPGA)
Das Institut für Workflow-Management im Gesundheitswesen (IWiG) beschäftigt sich mit der Analyse, Optimierung und Digitalisierung von Arbeitsprozessen im Gesundheitswesen. Ziel ist es, durch innovative Methoden und Technologien die Effizienz und Qualität medizinischer und administrativer Abläufe nachhaltig zu verbessern.
"Wir ermutigen Einrichtungen im Gesundheitswesen, ein systematisches Workflow-Management zur Routine zu machen, um Zeit zu sparen und Verschwendung zu vermeiden, indem wir eine engagierte Kommunikation führen und die Akteure motivieren, ihre Kompetenzen erfolgreich weiterzubilden."
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