Mit der Migration von SAP® ECC zu SAP S/4HANA verändern sich im Bereich der Produktionsplanung wichtige Stammdatenlogiken. Besonders praxisrelevant sind die Fertigungsversionen. Was im ECC je nach Prozess und Systemeinstellung nicht konsequent benötigt wurde, rückt in S/4HANA deutlich stärker in den Mittelpunkt. Dieser Beitrag zeigt, worauf Unternehmen bei der Umstellung achten sollten und in welchen Prozessen die Fertigungsversion besonders kritisch ist.

In Migrationsprojekten zeigt sich, dass Fertigungsversionen häufig erst dann Aufmerksamkeit erhalten, wenn im Testsystem die ersten Auffälligkeiten auftreten:

  • Planaufträge werden erzeugt, enthalten aber keine sauber zugeordnete Fertigungsversion.
  • In der Lohnbearbeitung fehlen nach dem Planungslauf Komponenten oder Stücklistenbezüge.
  • Dummy-Baugruppen lösen sich im MRP nicht wie erwartet auf.
  • In der Serienfertigung funktioniert die CO-seitige Abbildung nicht stabil.

Diese Probleme haben oft dieselbe Ursache: Eine Fertigungsversion fehlt ganz, ist unvollständig gepflegt oder passt fachlich nicht zu Mengenbereich, Gültigkeit oder Stücklistenalternative. Wer frühzeitig prüft, ob Fertigungsversionen korrekt angelegt sind, vermeidet viele Schwierigkeiten schon vor dem Go-live.

Warum Fertigungsversionen in S/4HANA wichtiger sind als im ECC

Die Fertigungsversion verbindet Material, Werk, Stückliste und Arbeitsplan zu einer fachlich eindeutigen Produktionsvariante. Zusätzlich steuert sie, für welchen Zeitraum und für welchen Mengenbereich diese Kombination gültig ist. Damit ist sie in S/4HANA weit mehr als ein ergänzendes Stammdatenobjekt – sie ist die Grundlage für eine konsistente Auswahl der produktionsrelevanten Daten.

Im ECC konnte das System je nach Alternativselektion im Materialstamm auf klassische Auswahlmechanismen zurückgreifen. In S/4HANA, insbesondere im Umfeld von MRP Live und vereinfachten Planungslogiken, steht die Fertigungsversion deutlich stärker im Vordergrund. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ohne Fertigungsversion gar keine Planaufträge entstehen. In der Praxis sind diese jedoch häufig unvollständig oder später nicht in Fertigungs- oder Prozessaufträge umsetzbar.

Für welche Prozesse Fertigungsversionen besonders kritisch sind

Diskrete Eigenfertigung

Für eigengefertigte Materialien mit Stückliste und Arbeitsplan sollte in S/4HANA mindestens eine fachlich gültige Fertigungsversion vorhanden sein. Fehlt sie, zeigt sich das Problem meist erst bei der Fertigungsauftragseröffnung. Der Planauftrag ist dann zwar vorhanden, aber die zugrunde liegende Stammdatenzuordnung ist nicht korrekt.

Lohnbearbeitung

In der Lohnbearbeitung ist die Fertigungsversion entscheidend für die korrekte Auflösung der Komponenten, die an den Dienstleister zu liefern sind. Sie wird typischerweise im Einkaufsinfosatz der Lohnbearbeitung verwendet. Fehlt die passende Version oder stimmt ihr Gültigkeits- oder Mengenbereich nicht, entstehen Bestellanforderungen ohne vollständige Komponentenauflösung.

Dummy-Baugruppen

Dummy-Baugruppen werden in der Regel nicht eigenständig gefertigt und nicht auf Lager gelegt. Deshalb erzeugt der MRP-Lauf für sie standardmäßig keinen eigenen Planauftrag. Der Bedarf wird direkt an die Komponenten weitergereicht. Genau an dieser Stelle wird eine fehlende oder fehlerhafte Fertigungsversion kritisch: Die nachgelagerten Komponentenbedarfe sind nicht ersichtlich.

Serienfertigung

In der Serienfertigung gehören Fertigungsversionen schon seit dem ECC zum Standard. Bei der Migration sollte deshalb besonders die Verbindung zum Controlling geprüft werden. Wenn Produktkostensammler auf Ebene der Fertigungsversion geführt werden, muss die jeweilige Version nicht nur in PP, sondern auch in CO konsistent eingebunden sein.

Vertriebsstücklisten und Sonderstrukturen

Die reine Auflösung einer Vertriebsstückliste im SD-Prozess benötigt keine Fertigungsversion. Relevant wird sie erst, wenn aus dem Vertriebsprozess heraus eigengefertigte Materialien oder Unterbaugruppen geplant werden. Speziell bei mehrstufigen Strukturen mit Dummy-Baugruppen, Variantenkonfiguration oder mehreren Alternativen sollte deshalb geprüft werden, welche Materialien tatsächlich eine fachlich gültige Fertigungsversion benötigen.

Wie sich die Umstellung effizient vorbereiten lässt

SAP stellt mit den Programmen CS_BOM_PRODVER_MIGRATION und CS_BOM_PRODVER_MIGRATION02 Standardwerkzeuge für die Massenanlage von Fertigungsversionen bereit. Das reduziert den manuellen Aufwand erheblich. Dennoch sollten diese Reports nicht unreflektiert über den gesamten Materialbestand laufen, da Sonderfälle sonst leicht übersehen oder fachlich falsch abgebildet werden.

Bewährt hat sich ein Vorgehen in drei Schritten:

  1. Bestandsaufnahme aller relevanten Materialien
  2. Trennung in Standard- und Sonderfälle
  3. gezielter Funktionstest im Testsystem

Besonders kritisch sind Materialien aus der Lohnbearbeitung, Dummy-Baugruppen, Materialien aus der Serienfertigung, konfigurierbare Materialien sowie Strukturen mit mehreren Stücklisten- oder Arbeitsplanalternativen.

Worauf Unternehmen bei der Migration konkret achten sollten

In Projekten reicht es nicht aus nur zu prüfen, ob eine Fertigungsversion vorhanden ist. Entscheidend ist, ob das System auch genau die Version findet, die im jeweiligen Prozess verwendet werden soll. Viele Probleme entstehen nicht durch ein falsch gesetztes Detail und nicht durch ein komplett fehlendes Objekt.

Diese Punkte sollten vor der Migration geprüft werden:

  • Ist eine gültige Fertigungsversion für das Material vorhanden?
  • Passen Gültigkeitszeitraum und Mengenintervall zur realen Planung?
  • Ist die richtige Stücklistenalternative hinterlegt?
  • Ist der passende Arbeitsplan zugeordnet?
  • Ist die Fertigungsversion freigegeben und nicht gesperrt?
  • Sind angrenzende Prozesse wie Lohnbearbeitung, Dummy-Strukturen, Serienfertigung oder Produktkostensammler mitberücksichtigt?

Diese Prüfungen machen in der Praxis den Unterschied zwischen einem formal migrierten und einem tatsächlich stabil laufenden System aus.

Fazit: Warum sich die Pflege von Fertigungsversionen lohnt

Die stärkere Rolle der Fertigungsversion wirkt auf den ersten Blick wie zusätzlicher Pflegeaufwand. Sie verbessert aber die Transparenz und Konsistenz der Produktionsstammdaten erheblich. Stückliste, Arbeitsplan, Gültigkeit und Mengenbereich werden klarer miteinander verknüpft und implizite Selektionslogiken, die im ECC oft gewachsen sind, werden reduziert.

Damit schafft die Fertigungsversion die Grundlage für stabile Planungsläufe, nachvollziehbare Auftragsumsetzungen und eine bessere Integration mit erweiterten Planungslösungen wie PP/DS. Für viele Unternehmen ist sie damit nicht nur ein Pflichtobjekt, sondern ein wichtiger Hebel für eine gut strukturierte S/4HANA-Produktionsplanung.

Sie haben Fragen rund um das Thema S/4HANA-Produktionsplanung? Melden Sie sich gern bei uns per Mail an sapberatung@inwerken.de oder vereinbaren Sie einen Termin. Unser Beratungsteam unterstützt Sie bei der Vorbereitung und Durchführung Ihrer S/4HANA-Migration – von der Bestandsaufnahme der Fertigungsversionen bis zur Validierung im Testsystem.

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