Unsicherheiten, nationale Alleingänge und eine Pandemie: Immer wieder steht die Frage im Raum, wie sich diese Herausforderungen auf die Lieferkettensicherheit auswirken. Damit die Versorgung stets gewährleistet ist, nutzt die Logistik die Krise, um sich für die Zukunft noch leistungsstärker aufzustellen.

Besonders die Covid-19-Pandemie zeigt: „Die Lieferketten funktionieren.“ So fasste Jens Graefe, CEO des pharmazeutischen Großhandels AEP, die Lage zusammen. Und mehr noch: Die täglich unter Beweis gestellte Versorgungssicherheit hat die Logistik in ein neues Licht gerückt. Mehr denn je wird sie als systemrelevant angesehen. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass Logistik einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt. Diese „Licence to Operate“, so Karl Gernandt von der Kühne Holding, verändert sich jedoch: Menschen fragen sich, ob die Lieferketten weiterhin standhalten. Die Globalisierung wird nicht mehr als Wohlstandssicherung verstanden, sondern als Risiko in der Versorgungssicherheit. Gleichzeitig lenkt die anhaltende Nachhaltigkeitsdebatte den Fokus vermehrt auf den Ressourcenverbrauch – auch in der Logistik. Es sei – so Gernandt – an der Zeit, diesem gesellschaftlichen Anspruch entsprechend, bestehende Lieferketten weiter zu optimieren, um auch in Zukunft leistungsstarke, sichere und nachhaltige Logistik anbieten zu können.


Supply Chains werden resilienter
Krisenzeiten verlangen maximale Flexibilität der Logistiker – um mit Schwankungen der benötigten Lagerfläche umgehen oder beim Wegfall von Verkehrsmitteln auf Alternativen zurückgreifen zu können. Damit solche Ausweichszenarien möglich sind, müssen Lieferketten resilienter werden, sind sich die Experten einig.

Digitalisierung als Enabler der Resilienz
„Hätte die Corona-Krise vor zehn Jahren stattgefunden, hätten wir alt ausgesehen“, verdeutlichte Günther Jocher, Vorstand des Logistikdienstleisters Group7. Das gilt nicht nur für die heute vorhandenen technologischen Voraussetzungen, um im Homeoffice zu arbeiten. Auch wäre es schwer gewesen, die Krise als Digitalisierungsschub zu nutzen, um Risiken in der Supply Chain zu identifizieren und zukunfts- und widerstandsfähige Lieferketten zu gestalten. Ein Beispiel für ein solches digitales Risiko-Management bietet das im Testlauf befindliche Tool „MightyGate“, das Prof. Dr. Yvonne Ziegler von der Frankfurt University of Applied Sciences vorstellte. Besonders auf die Anforderungen von Pharmaunternehmen und Logistikern ausgelegt, lassen sich mit „MightyGate“ mögliche Risiken entlang der Supply Chain digital aufzeigen. Unternehmen können diese dann bestmöglich umgehen. Auch das Programm „Climate Excellence“ der Wirtschaftsprüfgesellschaft PwC nutzt die Auswertung umfassender Daten, um Prognosen zu erstellen. Es veranschaulicht die zukünftige Situation eines Unternehmens und berücksichtigt dabei verschiedene Szenarien der Erderwärmung. So lassen sich Herausforderungen und Chancentreiber schon frühzeitig in die Unternehmensstrategie einplanen. „Die Pandemie ist ein Beschleuniger für Digitalisierungsvorhaben. Und die Digitalisierung ist eine Voraussetzung für resiliente Lieferketten“, fasste Dr. Hans Christoph Dönges, Vorstand der SALT Solutions AG, zusammen.

Keine Absage an die Globalisierung
Deutlich wurde in der Krise allerdings auch, wie sehr deutsche Unternehmen teilweise von Märkten wie China und Indien abhängig sind – zum Beispiel bei Schutzkleidung oder pharmazeutischen Produkten. Sollte man daher die Produktionsstandorte wieder nach Deutschland holen, um sich dieser Abhängigkeit zu entziehen? Dr.-Ing. Christoph Beumer, CEO der Beumer Group, hält es für wichtig, globale Wertschöpfungsketten zu hinterfragen. Schließlich ließe sich noch nicht abschätzen, ob die Globalisierung, wie wir sie heute kennen, aufgrund der Veränderung des politischen Klimas weltweit zukunftsfähig ist. Auch Thomas Panzer, Head Supply Chain Management für pharmazeutische Produkte bei der Bayer AG, beobachtet diese Entwicklung. Für sein Unternehmen steht „die Versorgungssicherheit (…) an allererster Stelle. Das schließt auch regionale Produktionsstandorte nicht aus“. Alles zu relokalisieren hält er jedoch für den falschen Weg, da auch regionale Lieferketten anfällig sind. Die bessere Lösung sieht er im Ausbau starker internationaler Netzwerke.
Ähnlich sieht es Christoph Bornschein, CEO der TLGG Group, ebenfalls Keynote-Sprecher beim Kongress. Er erwartet eine Entwicklung hin zu hybriden Lieferketten und Konzepten mit Back-up-Systemen, aus denen dann die jeweils günstigste Lösung gewählt werden kann, sowie mehr Lagerhaltung und mehr Wertschöpfung in Deutschland – so verriet er in einem Video-Interview: https://youtu.be/x0dPFTJHOfQ
Für die Teilnehmenden des Logistik-Kongresses steht fest: Die Herausforderungen der Krise sind keine nationalen. Sie betreffen Supply Chain-Beteiligte weltweit. Alleingänge hält auch Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, für den falschen Weg. „Mobilität und fließende Warenströme sind für unsere Gesellschaft überlebenswichtig. Wir dürfen die Grenzen nicht wieder schließen.“

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